60. Todestag: Vincenc Kramář und die Tschechoslowakische Moderne


Pablo Picasso, Selbstportrait, 1907, Národní galerie, Prag. Eines von 17 Picassos der Kramář-Sammlung. Photo GK

Am 7. November jährt sich der Todestag von Vincenc Kramář (1877-1960) zum 60. Mal. Der heute nahezu unbekannte Kunsthistoriker begann im Jahre 1920 mit dem systematischen Ankauf von Werken damals aufstrebender moderner Künstler wie Emil Filla, Bohumil Kubišta, Antonín Procházka, Josef Čapek, Otto Gutfreund, Josef Šíma, Václav Špála, Max Švabinský oder Alfred Justitz.

Georges Braque, Stillleben mit Gitarre, 1920-21, Národní galerie, Prag. Photo GK

Bis 1919 war er Direktor der Gesellschaft der Freunde patriotischer Kunst gewesen, ein Verband, der schon seit dem späten 19. Jahrhundert versucht hatte, Prag und Böhmen aus dem Schatten der alles absorbierenden Reichshauptstadt Wien zu manövrieren, was nun, nach der Gründung der unabhängigen Tschechoslowakei, Früchte tragen sollte. Aus dem Verband wurde fortan die noch heute bestehende Nationalgalerie, Kramář ihr erster Direktor bis 1939, der nach Hitlers Invasion, politisch eher links orientiert, abberufen wurde.

Emil Filla, Maler, 1932, Národní galerie, Prag. Photo GK

Vincenc Kramář war auf Grund seines wohlbestallten Erbes in der Lage, zu reisen und im Ausland zu studieren, hauptsächlich in Wien, wo er zu den ersten Absolventen der dort von Rudolf Eitelberger neu geschaffenen Wiener Schule der Kunstgeschichte gehörte, und die besten Lehrer hatte, Franz Wickhoff und den aus Böhmen stammenden Max Dvořák. Als Spezialist für mittelalterliche Kunst erwarb er für Prag Vieles von dem, was wir heute im Agneskloster sehen können, einer der bedeutendsten europäischen Sammlungen für Kunst des 13. und 14. Jahrhunderts.

Die Madonna von Zbraslav, unbekannter Meister, 1350-60, Národní galerie, Agneskloster Prag. Eines von vielen berühmten Madonnengemälden aus dem Umfeld des Kunstförderers Karl IV. Leihgabe der Pfarre St. Jakob d. Älteren, Zbraslav. Photo GK

Aber Kramář war weitblickend und neugierig, und fuhr, nicht zuletzt im Zuge der bereits lange anhaltenden Partnerschaft mit Prag und dem intensiven künstlerischen Austausch zwischen den beiden Städten 1910 nach Paris. Er befreundete sich dort (durch wen, konnte ich noch nicht feststellen, ich vermute fast, durch den unglaublich umtriebigen Networker Guillaume Apollinaire) mit dem 2. Kunsthändler, der es wagte, die allerseits als verrückt angesehen Maler Georges Braque und Pablo Picasso auszustellen, Daniel-Henri Kahnweiler. Er erkannte als einer der ersten überhaupt das Talent und begann, Blätter aufzukaufen. Daneben kaufte er Werke von Derain und mehreren Impressionisten.

Biblische Landschaft, Jan Zrzavý, 1913, Národní galerie, Prag. Photo GK

Abgesehen von seinen privaten Ankäufen hatte er auch den Auftrag, ab 1923 in Frankreich für die Nationalgalerie einzukaufen, mit einem Budget von für damals beachtlichen 5 Millionen Kronen. Es handelte sich damit um den überhaupt ersten staatlichen Kunstkauf im modernen Sinne, also als staatliche Investition in Kunst für die Öffentlichkeit, und veränderte weltweit den Kunstmarkt.

Lélio (Frauenfigur), Josef Čapek 1913 (Bruder des Schriftstellers Karel Čapek), Národní galerie, Prag. Photo GK

Dieser “Luxus” war nur dadurch möglich, dass die Tschechoslowakei sich als eines der wenigen Länder Europas nach dem ersten Weltkrieg rasch erholt hatte. Dies war nicht zuletzt darauf zurück zu führen, dass 75% der Industrieproduktion des ehemaligen Kaiserreichs Österreich-Ungarn aus Böhmen, Mähren und Schlesien kamen.

Kopf, Bohumil Kubišta, 1915, Národní galerie, Prag. Photo GK

Die Fokussierung auf Frankreich war aus der erwähnten Partnerschaft zwischen Paris und Prag hervorgegangen – Frankreich war nach 1918 quasi die Schutzmacht der Tschechoslowakei.

Cadaqués, André Derain, 1910, Národní galerie, Prag. Photo GK

Nach 1945 widersprechen einander die Informationen: Entweder durfte Kramář seine private Sammlung behalten, oder sie wurde mit der sogenannten Millionärssteuer belegt und verstaatlicht – Tatsache ist, dass er sie der Nationalgalerie vermachte. Ob erzwungen oder freiwillig, ist nicht ganz klar.

Ein guter Teil dessen, was heute im Veletržni palác der Nationalgalerie im Bereich 1918–1938: První republika zu sehen ist, stammt aus der Sammlung Kramář und ist äusserst sehenswert.

Sekundärliteratur der Mediathek der ArcoAcademy (Downloads und/oder Links, auf Grund der Urheberrechte nur über persönlichen Kontakt: kulturcafeprag@gmail.com oder Facebook):

  • Ambroise Vollard. The original Charles Saatchi
  • Daniel-Henry Kahnweiler. Der Weg zum Kubismus (1920)
  • Daniel-Henry Kahnweiler. Der Weg zum Kubismus (Vollversion)
  • Daniel-Henry Kahnweiler. Biographie
  • Galerie Vincence Kramáře
  • Galerie Vincence Kramáře. Obrazová příloha
  • Index of Historic Collectors and Dealers of Cubism
  • Kahnweiler-Memoiren. An der Kasse
  • Kahnweiler’s Central European Network of Agents and Collectors
  • Picasso in den Jahren 1907-1913
  • Sbêratel Kramář byl vizionář kubismu
  • Vincenc Kramář a studium středověkého umění
  • Vincenc Kramář as Private Collector and the Fate of His Collection in Communist Czechoslovakia
  • Vincenc Kramář, Notes on Picasso’s exhibition at the Thannhauser Gallery, 1913
  • Vincenc Kramář. Inventar osobního fondu
  • Vincenc Kramář. Inventar
  • Vollard und der Pariser Tresor


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